Am 3. Dezember 2024 hat Italien im Amtsblatt das aktualisierte Decreto CAM Edilizia 2025 veröffentlicht – ein regulatorischer Einschnitt, der die Spielregeln für öffentliche Bauvergaben neu definiert. Die Criteri Ambientali Minimi (CAM), verbindliche Mindestumweltanforderungen, gelten künftig auch für den Fenster- und Türenbereich sowie für sämtliche Materialien, Komponenten und Beschläge. Für Hersteller, Händler und Planer bedeutet das: Wer künftig an öffentlichen Ausschreibungen in Italien partizipieren will, muss nachweislich höhere ökologische Standards erfüllen. Die Verordnung ist mehr als eine administrative Hürde – sie eröffnet zugleich Marktchancen für Anbieter, die bereits auf nachhaltige Fertigung und transparente Lieferketten setzen.

Was regelt das CAM-Bauedikt 2025?

Das Decreto CAM Edilizia aktualisiert die 2017 eingeführten Mindestkritierien und erweitert sie nun systematisch auf weitere Produktkategorien. Im Kern verpflichtet die Verordnung öffentliche Auftraggeber, bei der Vergabe von Bau-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten nur noch Produkte und Dienstleistungen zu beschaffen, die definierte Umweltstandards erfüllen. Die Kriterien umfassen den gesamten Lebenszyklus: Rohstoffgewinnung, Produktion, Transport, Einbau, Nutzung und Entsorgung.

Für den Fenster- und Türensektor bedeutet das konkret: Hersteller müssen künftig nachweisen, dass eingesetzte Hölzer aus zertifizierten Quellen stammen – etwa FSC oder PEFC. Zudem werden Grenzwerte für flüchtige organische Verbindungen (VOC) in Lacken und Beschichtungen verschärft. Auch die Recyclingfähigkeit von Rahmen, Profilen und Beschlägen rückt in den Fokus: Verbundwerkstoffe, die sich nicht sortenrein trennen lassen, werden künftig benachteiligt.

Neue Anforderungen an Materialien und Komponenten

Besonders betroffen sind Hersteller von Rahmen- und Flügelprofilen. Holz-Aluminium-Systeme, wie sie etwa Schüco oder Roto im Portfolio führen, müssen künftig eine vollständige Materialdeklaration vorlegen – einschließlich Herkunftsnachweisen für Aluminium und Holz. Aluminium muss zu einem definierten Mindestanteil aus Sekundärmaterial bestehen; für Holz gelten Herkunftsnachweise nach EUTR (EU-Holzhandelsverordnung) als Pflicht.

Auch Holzschutzanstriche und Versiegelungen geraten unter die Lupe. Das Dekret setzt für biozidfreie oder wasserbasierte Systeme Bonuspunkte in Ausschreibungen an. Hersteller, die auf lösemittelbasierte Lacksysteme setzen, müssen mit Punktabzügen rechnen – oder ihre Formulierungen anpassen. Anbieter wie Remmers und Osmo, die bereits auf wasserbasierte oder natürliche Öle setzen, dürften hier einen Wettbewerbsvorteil ausspielen können.

Beschläge, Zubehör und Dichtungssysteme

Erstmals nehmen die CAM-Kriterien auch Beschläge und Zubehör ins Visier. Scharniere, Verriegelungen, Griffe und Dichtungen müssen künftig einer Lebensdauerprüfung standhalten und reparierbar sein. Das Dekret verlangt zudem, dass Ersatzteile mindestens zehn Jahre nach Produktionsende verfügbar bleiben. Für Beschlaganbieter wie Hettich, Julius Blum oder Salice bedeutet das: Ersatzteil-Logistik und Servicestrukturen werden zum Wettbewerbsfaktor.

Dichtungssysteme aus EPDM oder Silikon müssen nachweislich schadstofffrei sein und dürfen keine persistenten organischen Schadstoffe (POP) enthalten. Thermisch trennende Elemente in Aluminiumprofilen – etwa Polyamid-Stege – müssen recyclingfähig oder zumindest thermisch verwertbar sein.

Was Hersteller jetzt tun müssen

Die Umsetzungsfrist ist knapp. Ausschreibungen, die ab Frühjahr 2025 veröffentlicht werden, müssen bereits die neuen CAM-Kriterien berücksichtigen. Hersteller, die am italienischen Markt aktiv sind oder es werden wollen, sollten folgende Schritte prioritär angehen:

Lieferkettentransparenz herstellen: Jedes verwendete Holz muss auf seine Herkunft zurückverfolgbar sein. Das betrifft nicht nur Massivholz, sondern auch Furniere, furnierte Plattenwerkstoffe und Brettschichtholz. Unternehmen ohne FSC- oder PEFC-Zertifizierung müssen diese schnellstmöglich einholen oder alternative Nachweise über Due-Diligence-Systeme erbringen.

Produktdokumentation aufrüsten: Environmental Product Declarations (EPD) werden faktisch zum Marktzutrittsticket. Wer seine Produkte nicht nach ISO 14025 und EN 15804 deklariert, fällt in Ausschreibungen durch. Parallel dazu fordert das Dekret detaillierte technische Datenblätter zu Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit – Informationen, die viele Hersteller bislang nicht systematisch dokumentieren.

Formulierungen anpassen: Lack-, Lasur- und Klebstoffsysteme müssen auf VOC-Grenzwerte und Biozidfreiheit geprüft werden. Produkte, die diese Anforderungen nicht erfüllen, sollten überarbeitet oder durch konforme Alternativen ersetzt werden. Hier bietet sich eine Zusammenarbeit mit spezialisierten Chemieherstellern an.

Ersatzteilstrategie entwickeln: Die zehnjährige Ersatzteilverfügbarkeit erfordert eine vorausschauende Lagerhaltung und klare Produktlebenszyklen. Hersteller, die bislang auf kurze Innovationszyklen und schnelle Produktwechsel gesetzt haben, müssen ihre Strategie überdenken – oder modulare Systeme entwickeln, bei denen Kernkomponenten langfristig kompatibel bleiben.

Marktchancen durch Vorsprung

Das Dekret schafft nicht nur Pflichten, sondern auch Differenzierungsmöglichkeiten. Hersteller, die bereits heute über EPDs, transparente Lieferketten und nachhaltige Materialien verfügen, können sich in Ausschreibungen gezielt positionieren. Öffentliche Auftraggeber müssen künftig nicht nur Mindestkriterien abfragen, sondern dürfen auch Bonuspunkte für übererfüllte Standards vergeben – etwa für Cradle-to-Cradle-Zertifizierungen, CO₂-neutrale Produktion oder besonders langlebige Konstruktionen.

Besonders interessant wird die Regelung für Anbieter von Holz-Fenstern und -Türen aus heimischer Produktion. Kurze Transportwege, regionale Wertschöpfung und transparente Holzherkunft lassen sich als Wettbewerbsvorteile ausspielen – vorausgesetzt, sie werden systematisch dokumentiert und kommuniziert. Hersteller, die mit lokalen Sägewerken und zertifizierten Forstbetrieben kooperieren, können hier punkten.

Auswirkungen auf den Wettbewerb

Die neuen Regeln dürften den Konsolidierungsdruck in der Branche erhöhen. Kleinere Hersteller ohne eigene Zertifizierungs- und Dokumentationsstrukturen werden Schwierigkeiten haben, die geforderten Nachweise fristgerecht zu erbringen. Gleichzeitig eröffnet das Dekret Chancen für spezialisierte Dienstleister: Zertifizierungsberater, EPD-Ersteller und Supply-Chain-Auditoren dürften steigende Nachfrage verzeichnen.

Auch der Beschlagsektor könnte sich neu sortieren. Hersteller, die auf langlebige, reparierbare Systeme setzen, werden gegenüber Billiganbietern begünstigt. Das könnte den Trend zu hochwertigen, wartungsarmen Beschlägen verstärken – ein Umfeld, in dem etablierte Marken wie Hettich oder Häfele ihre Stärken ausspielen können.

Regulatorischer Kontext: Italien als Vorreiter?

Italien ist nicht das einzige EU-Land, das verbindliche Umweltkriterien für öffentliche Beschaffung einführt. Die EU-Kommission hat bereits 2021 freiwillige GPP-Kriterien (Green Public Procurement) für Bauprodukte veröffentlicht; mehrere Mitgliedstaaten arbeiten an nationalen Umsetzungen. Das italienische Dekret könnte als Blaupause dienen – insbesondere für Frankreich, Spanien und Deutschland, wo ähnliche Diskussionen laufen.

Für international tätige Hersteller bedeutet das: Die Investition in CAM-konforme Produktdokumentation zahlt sich auch über den italienischen Markt hinaus aus. Wer heute die Standards erfüllt, ist morgen besser gerüstet für weitere nationale Regelungen – und kann sich frühzeitig als nachhaltiger Anbieter positionieren.

Fazit: Handlungsdruck und Gestaltungsspielraum

Das Decreto CAM Edilizia 2025 markiert einen Wendepunkt für den italienischen Fenster- und Türenmarkt. Die neuen Anforderungen sind anspruchsvoll, die Umsetzungsfristen knapp. Hersteller, die jetzt reagieren, können nicht nur Compliance sicherstellen, sondern sich auch als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit positionieren. Wer zögert, riskiert den Ausschluss aus einem bedeutenden Teilmarkt – und verpasst die Chance, sich frühzeitig auf kommende EU-weite Regelungen vorzubereiten.

Die Botschaft ist klar: Nachhaltigkeit wird vom Marketing-Thema zur Marktzugangsvoraussetzung. Unternehmen, die ihre Lieferketten transparent machen, Produktdokumentationen professionalisieren und auf langlebige, reparierbare Systeme setzen, werden langfristig profitieren. Das Dekret ist weniger Belastung als vielmehr Katalysator für eine überfällige Modernisierung der Branche.