Der österreichische Holzkonzern HS Timber Group hat auf seiner Website einen Bereich zu Geschäftspraktiken veröffentlicht. Die Initiative fällt in eine Zeit, in der europäische Verarbeiter zunehmend unter Druck stehen, Herkunft, Einschlagspraktiken und CO₂-Bilanz ihrer Rohware lückenlos zu dokumentieren. Ob hinter der Veröffentlichung echte Transparenz oder lediglich Compliance-Marketing steht, verdient einen zweiten Blick – gerade in einer Branche, die von Fragen zu Lieferketten, Holzeinschlag und Nachhaltigkeit durchdrungen ist.

Lieferketten-Transparenz als Branchenthema

In der europäischen Holzwirtschaft wächst der Druck auf Verarbeiter und Händler, die Herkunft ihres Materials nachzuweisen. Neben der EU-Holzhandelsverordnung (EUTR) rücken nationale Sorgfaltspflichten, das geplante EU-Lieferkettengesetz und die steigende Nachfrage nach FSC- und PEFC-zertifiziertem Schnittholz die Branche in den Fokus. Für Einkäufer von Brettschichtholz, Bauschnittholz oder Fassadenprofilen bedeutet das: Die bloße Angabe „europäisches Nadelholz" reicht nicht mehr aus. Gefragt sind lückenlose Dokumentationsketten vom Sägewerk bis zum Forstbetrieb.

Die HS Timber Group ist mit Werken in Österreich, Deutschland, Tschechien und Rumänien einer der größeren integrierten Anbieter im Mitteleuropa-Raum – von der Rundholzbeschaffung über die Schnittholzproduktion bis zur Weiterverarbeitung zu technischen Bauprodukten. Die Veröffentlichung von Grundsätzen zu Geschäftspraktiken kann daher als Antwort auf steigende Erwartungen an Holzbau im Klimawandel und Lieferantentransparenz gelesen werden.

Was steht auf der Website – und was fehlt?

Der publizierte Bereich umfasst nach Angaben der HS Timber Group Grundsätze zu Antikorruption, Arbeitsbedingungen und Nachhaltigkeit. Konkrete Zahlen zu zertifizierter Rohware, Angaben zu Einschlagsregionen oder quantifizierte Nachhaltigkeitskennzahlen – etwa der Anteil FSC-zertifizierter Holzmengen am Gesamteinschnitt – lassen sich auf der Website jedoch nicht finden. Ebenso fehlen Angaben zu Lieferanten-Audits oder zur Integration in operative Prozesse.

Das ist ein wiederkehrendes Muster in der Branche: Viele Unternehmen veröffentlichen allgemeine Compliance-Statements, ohne die für Einkäufer und Planer relevanten Kennzahlen offenzulegen. Wer Brettschichtholz für mehrgeschossige Holzbauprojekte bestellt, benötigt jedoch mehr als ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit – nämlich belastbare Daten zur Holzherkunft, CO₂-Bilanz und zur Einhaltung forstlicher Standards.

Vergleich zu anderen Schnittholzlieferanten

Einige Wettbewerber gehen deutlich weiter: Pollmeier etwa veröffentlicht in seinen Nachhaltigkeitsberichten Angaben zu Bezugsquellen, Einschlagsvolumina und CO₂-Bilanzierung nach Produktgruppe. Auch W. u. J. Derix dokumentiert seit mehreren Jahren die Herkunft von Brettschichtholz und die Verwendung zertifizierter Rohware. Für Planer und Einkäufer sind solche Angaben entscheidend, wenn es um die DGNB- oder LEED-Zertifizierung von Bauprojekten geht.

Die HS Timber Group bewegt sich mit ihrer Initiative im Mittelfeld: Sie kommuniziert Grundsätze, bleibt aber bei der konkreten Operationalisierung vage. Das ist weder skandalös noch vorbildlich – sondern spiegelt den Stand wider, an dem sich viele mittelgroße Verarbeiter befinden.

Wo Compliance auf Realität trifft: Holzeinschlag und Forstpraktiken

Ein zentraler Punkt in jeder Diskussion um Geschäftspraktiken in der Holzwirtschaft ist die Frage, wie die eingekauften Rundholzmengen gewonnen werden. Die forstliche Umtriebszeit, Kahlschlagpraktiken, die Erhaltung der Biodiversität und der Schutz alter Wälder sind für die Branche keine akademischen Fragen, sondern operative Risiken.

In Osteuropa – insbesondere in Rumänien, wo die HS Timber Group Werke betreibt – ist illegaler Holzeinschlag nach wie vor ein Problem. Nichtregierungsorganisationen und Behörden weisen regelmäßig auf Verstöße gegen Schutzgebiete und unvollständige Dokumentation hin. Für Verarbeiter bedeutet das: Selbst bei gutem Willen kann es schwierig sein, die Herkunft jedes Stammes lückenlos zu dokumentieren.

Ob die HS Timber Group über ihre eigenen Werke hinaus Einfluss auf die Forstpraktiken der Lieferanten nimmt, bleibt unklar. Angaben zu Audits, Zertifizierungsquoten oder zur Zusammenarbeit mit unabhängigen Organisationen fehlen auf der Website.

Zertifizierung: FSC und PEFC als Mindeststandard

FSC- und PEFC-Zertifikate sind in der Holzbranche mittlerweile der Mindeststandard für öffentliche Ausschreibungen und DGNB-zertifizierte Projekte. Die Frage ist nicht mehr, ob ein Unternehmen zertifiziertes Holz anbieten kann, sondern welcher Anteil der Produktion tatsächlich zertifiziert ist – und wie eng die Kontrollkette zwischen Wald und Werk überwacht wird.

Die HS Timber Group gibt auf ihrer Website an, nach FSC und PEFC zertifiziert zu sein. Die Nennung der Zertifikate allein sagt jedoch wenig aus: Entscheidend ist, ob nur einzelne Produktlinien oder die gesamte Wertschöpfungskette zertifiziert sind, und wie hoch der Anteil zertifizierter Ware am Gesamtvolumen liegt. Diese Zahlen sucht man vergeblich.

Arbeitsbedingungen und Unternehmensführung

Neben der Holzherkunft umfassen die publizierten Grundsätze auch Aussagen zu Arbeitsbedingungen, Arbeitssicherheit und Antikorruption. Für Einkäufer im Holzbau sind diese Themen nicht nur aus ethischen Gründen relevant, sondern auch aus haftungsrechtlicher Sicht: Öffentliche Auftraggeber und institutionelle Investoren verlangen zunehmend den Nachweis, dass Lieferanten die ILO-Kernarbeitsnormen einhalten.

Konkrete Kennzahlen – etwa zur Unfallrate, zur Fluktuation oder zur Weiterbildungsquote – fehlen auch hier. Ebenso wenig wird erwähnt, ob die HS Timber Group externe Audits durchführt oder sich freiwilligen Berichtsstandards wie der Global Reporting Initiative (GRI) anschließt.

Was bedeutet „Verantwortung" in der Praxis?

Der Begriff „Verantwortung" wird in der Holzbranche inflationär genutzt. Verantwortungsvolle Geschäftspraktiken setzen jedoch mehr voraus als eine Absichtserklärung. Sie erfordern messbare Ziele, regelmäßige Überprüfung und Korrekturmechanismen, wenn Missstände auftreten. Die Frage, die sich Einkäufer und Planer stellen müssen, lautet: Kann ich die Aussagen des Lieferanten überprüfen – oder muss ich sie glauben?

Unternehmen wie Pollmeier oder W. u. J. Derix veröffentlichen regelmäßig Nachhaltigkeitsberichte, in denen Ziele, Fortschritte und auch Rückschläge dokumentiert werden. Diese Transparenz kostet Aufwand – schafft aber Vertrauen. Die HS Timber Group bleibt in dieser Hinsicht bislang zurückhaltend.

Einordnung: Compliance-Marketing oder echter Wandel?

Die Veröffentlichung von Grundsätzen zu Geschäftspraktiken ist kein Alleinstellungsmerkmal, sondern Branchenstandard. Die entscheidende Frage ist, ob die Grundsätze in operative Prozesse übersetzt werden – oder ob sie primär der Außendarstellung dienen.

Für die HS Timber Group lässt sich festhalten: Die Initiative ist ein erster Schritt, bleibt aber hinter den Erwartungen zurück, die Einkäufer und Planer an einen europäischen Verarbeiter mit Werken in mehreren Ländern stellen dürfen. Wer im Holzbau tätig ist und Wert auf lückenlose Lieferketten legt, wird um konkrete Nachfragen beim Lieferanten nicht herumkommen.

Was fehlt für echte Transparenz?

  • Quantifizierte Angaben zur Herkunft der Rohware (Länder, Regionen, Anteil Zertifizierung)
  • CO₂-Bilanzierung nach Produktgruppe und Lieferkettenabschnitt
  • Externe Audits und Veröffentlichung von Audit-Ergebnissen
  • Kennzahlen zu Arbeitssicherheit, Weiterbildung und Unfallrate
  • Dokumentation von Nachhaltigkeitszielen und jährliche Fortschrittsberichte

Was Einkäufer und Planer jetzt tun sollten

Die Veröffentlichung von Grundsätzen allein ist kein Qualitätsnachweis. Einkäufer im Holzbau sollten bei der Lieferantenauswahl konkrete Fragen stellen: Welcher Anteil der gelieferten Ware ist FSC- oder PEFC-zertifiziert? Aus welchen Regionen stammt das Rundholz? Wie wird die Einhaltung der Zertifizierungsstandards überprüft? Gibt es externe Audits?

Unternehmen, die diese Fragen nicht beantworten können oder wollen, sollten kritisch betrachtet werden – unabhängig davon, ob sie Grundsätze auf ihrer Website veröffentlichen. In einer Zeit, in der Holzbau im Klimawandel als zentraler Beitrag zur CO₂-Reduktion diskutiert wird, darf Nachhaltigkeit kein Marketingbegriff sein, sondern muss messbar und überprüfbar werden.

Für Planer bedeutet das: Die Auswahl von Brettschichtholz, Bauschnittholz oder Holzwerkstoffen sollte nicht nur nach Preis und Lieferzeit erfolgen, sondern auch nach der Qualität der Dokumentation. Wer heute im mehrgeschossigen Holzbau plant, wird morgen bei DGNB-Zertifizierungen oder öffentlichen Ausschreibungen nach Nachweisen gefragt – und sollte sich rechtzeitig absichern.

Fazit: Erste Schritte, aber noch lange nicht am Ziel

Die HS Timber Group hat mit der Veröffentlichung ihrer Geschäftspraktiken einen Schritt in Richtung Transparenz gemacht. Ob dieser Schritt ausreicht, hängt davon ab, wie die Grundsätze in den kommenden Jahren mit Leben gefüllt werden. Messbare Ziele, unabhängige Überprüfung und regelmäßige Berichterstattung sind die Kriterien, an denen sich das Unternehmen messen lassen muss.

Für die Holzbranche insgesamt bleibt die Frage offen, ob Selbstverpflichtungen ausreichen – oder ob es strengere gesetzliche Vorgaben braucht, um echte Lieferketten-Transparenz zu erzwingen. Einkäufer und Planer sind gut beraten, nicht auf Vorgaben zu warten, sondern schon heute die Dokumentationsqualität ihrer Lieferanten zu prüfen. Denn im Holzbau im Klimawandel geht es nicht nur um technische Eigenschaften, sondern auch um die Herkunft und die Art und Weise, wie der Werkstoff gewonnen wird.

Quellen