Am 15. Dezember 2020 feierte die Henri Benthack GmbH & Co. KG aus Hamburg ihr 90-jähriges Bestehen – ein Meilenstein, der in der deutschen Holzwirtschaft selten geworden ist. Während viele Handwerksbetriebe und mittelständische Holzverarbeiter der Nachkriegsgenerationen inzwischen konsolidiert oder geschlossen wurden, hat das Hamburger Familienunternehmen neun Jahrzehnte durchlaufen. Doch was steckt hinter dieser Langlebigkeit? Wie hat Benthack Wirtschaftskrisen, technologische Umbrüche und den Strukturwandel der Holzbranche gemeistert – und welche Strategien prägen die Zukunft des Betriebs?
90 Jahre Holzbranche: Selten gewordene Kontinuität
Nur wenige Familienbetriebe der Holzwirtschaft überdauern mehrere Generationen. Die Henri Benthack GmbH & Co. KG gehört zu dieser Minderheit. Gegründet 1930, also in den Jahren der Weltwirtschaftskrise, musste das Unternehmen von Anfang an wirtschaftliche Turbulenzen und politische Brüche meistern: den Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegsrezession, die Ölkrisen der 1970er-Jahre, die Wiedervereinigung, die Digitalisierung und zuletzt die COVID-19-Pandemie. Dass Benthack all diese Phasen überstanden hat, deutet auf eine robuste strategische Ausrichtung und eine flexible Anpassungsfähigkeit hin.
Das Jubiläum ist deshalb mehr als eine Feierlichkeit – es ist ein Anlass, die Erfolgsfaktoren eines langfristig orientierten Mittelständlers in der Holzbranche zu analysieren. Welche Rolle spielen Produktportfolio, Standortwahl, Kundenbeziehungen und Investitionsdisziplin? Und wie positioniert sich ein Traditionsunternehmen in einer Branche, die zunehmend von Großhandelskonsolidierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeitsanforderungen geprägt wird?
Krisenfestigkeit: Diversifikation und regionale Verankerung
Ein wesentlicher Faktor für die Langlebigkeit von Benthack dürfte die regionale Verankerung in Hamburg und Norddeutschland sein. Anders als viele überregional expandierende Großhändler hat das Unternehmen offenbar auf geografische Konzentration gesetzt – ein Modell, das in volatilen Phasen Kostenrisiken begrenzt und enge Kundenbeziehungen ermöglicht. Zugleich ist das Produktportfolio in der Holzbranche breit gestreut: Von Sägewerkserzeugnissen über Holzwerkstoffe bis hin zu Beschlägen und Oberflächen – wer mehrere Segmente bedient, mindert Abhängigkeiten von einzelnen Märkten.
Die Integration von Innenausbau- und Möbelfertigungskomponenten in das Sortiment ist strategisch klug: Tischlereibetriebe und Innenausbauer benötigen neben Massivholz auch Furniere, Plattenwerkstoffe, Kantenumleimer und Beschläge. Benthack bedient diesen One-Stop-Shop-Anspruch – ein Wettbewerbsvorteil gegenüber reinen Holzhändlern. Vergleichbare Strategien verfolgen auch größere Player wie Kronospan oder Pollmeier im Bereich Holzwerkstoffe und Massivholz.
Herausforderung Generationswechsel: Familienbetrieb als Risiko und Chance
Ein häufiges Risiko für Familienunternehmen ist der Generationswechsel. Nicht immer finden sich Nachfolger, die sowohl fachlich qualifiziert als auch unternehmerisch motiviert sind. Dass Benthack 90 Jahre alt wird, deutet darauf hin, dass mindestens zwei, wahrscheinlich drei Generationen den Betrieb erfolgreich übergeben haben. Die genaue Eigentumsstruktur und Nachfolgeregelung sind nicht öffentlich dokumentiert – doch die Rechtsform GmbH & Co. KG weist auf eine Mischung aus Haftungsbegrenzung und Personengesellschaft hin, ein klassisches Modell für mittelständische Familienunternehmen.
Die Herausforderung für Benthack liegt heute darin, die vierte oder fünfte Generation auf die digitale Transformation vorzubereiten. E-Commerce, digitale Bestellsysteme und automatisierte Lagerhaltung sind heute Standard – Betriebe, die hier nicht mitziehen, verlieren Marktanteile an digitale Plattformen und Großhändler mit ERP-Integration. Zugleich bleibt der persönliche Kontakt zu regionalen Handwerkskunden ein Wettbewerbsvorteil, den digitale Pure-Player nicht bieten können.
Strategische Zukunft: Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Nischenkompetenz
Die nächsten zehn Jahre werden für Benthack entscheidend sein. Die Holzbranche steht vor einem strukturellen Wandel: Klimawandel und CO₂-Bilanzierung machen Holz zum bevorzugten Baustoff, gleichzeitig steigen die Anforderungen an Herkunftsnachweise, FSC-Zertifizierung und technische Trocknung. Wer hier frühzeitig in transparente Lieferketten und Nachhaltigkeitsdokumentation investiert, sichert sich Zugang zu öffentlichen Bauvorhaben und großen Gewerbeprojekten.
Zugleich wird die Konkurrenz durch überregionale Einkaufsverbünde und digitale Marktplätze zunehmen. FNB und andere Einkaufsgemeinschaften bündeln Volumen und drücken Einkaufspreise – ein Modell, gegen das Einzelhändler nur mit Spezialisierung und Serviceleistung bestehen können. Benthack könnte hier auf Nischenkompetenz setzen: Hochwertige Furnierqualitäten für Möbelbau, technisch anspruchsvolle Holzverbindungen für Treppenbau oder exklusive Beschläge von Häfele und Hettich – Produkte, bei denen Beratung und technisches Know-how entscheidend sind.
Fazit: Stabilität durch Flexibilität
90 Jahre Henri Benthack sind keine Selbstverständlichkeit. Das Jubiläum steht für eine Balance aus regionaler Verankerung, Produktdiversifikation und vorsichtigem Wachstum. Die größte Herausforderung für die kommenden Jahre wird sein, die Digitalisierung voranzutreiben, ohne die gewachsenen Kundenbeziehungen zu gefährden – und zugleich die nächste Generation auf ein Marktumfeld vorzubereiten, das sich schneller verändert als in den 90 Jahren zuvor.
Für die Holzbranche insgesamt ist Benthack ein Beispiel dafür, dass Kontinuität und Anpassungsfähigkeit keine Widersprüche sein müssen. Wer langfristig denkt, Krisen als Lernphasen nutzt und auf solides Handwerk statt kurzfristige Expansion setzt, kann auch im volatilen Holzmarkt des 21. Jahrhunderts bestehen.